Als Stimme von „Ich und Ich“ schaffte er den Durchbruch, nun ist der sanfte Sänger solo unterwegs

Warme Stimme, sanfte Songs: Adel Tawil ist als Sänger ein Herzschmeichler. Das hat er bei „Ich und Ich“ gezeigt, solo aber fehlt ihm das Gespür, schlagerhafte Floskeln zu veredeln.

An der Rampe war er ja schon immer allein. Hinter ihm die Band. Das zweite Ego von „Ich und Ich“ blieb unsichtbar. Annette Humpe („Ideal“) schrieb und produzierte, Adel Tawil (35) verlieh ihrem Emo-Pop über sieben Jahre und drei Alben Stimme und Gestalt. Auf den ersten Blick sollte sich gar nicht so viel geändert haben, wenn Adel Tawil auf Tour ist – in München ging es los. Die Musiker kennt er noch von „Ich und Ich“, einige Hits von damals will er jetzt auch wieder singen und seine neuen „Lieder“, wie sein Album schön schlicht heißt.

Statt „Ich und Ich“ jetzt also „Mir und mich“? Viel größer scheint der Unterschied zunächst nicht zu sein, doch hört man ins Debüt-Doppelalbum (Vertigo/Capitol) rein, dann ist klar, wie sehr das eine Ich fehlt: Annette Humpe (63) hat eben ein erstaunliches Gespür dafür, wie man Popsongs derart emotionalisiert, dass Floskeln schillern, Sentiment pompös wird, der Kitsch tanzt. Es ist eine Gratwanderung, die bei Hits wie „So soll es bleiben“, „Pflaster“ und „Vom selben Stern“ erstaunlich gut gelungen ist. Ein Balance-Akt über der Tiefebene von Schlagerland. Mit seiner Soloscheibe aber durchmisst Adel Tawil genau dieses Ödland.

Flach ist der Popsound, fade die Befindlichkeitslyrik, mit der dieser Sänger mit ägyptisch-tunesischen Wurzeln mal den Tröster gibt, mal die Frauen als Göttin und Erlöserin feiert. Wo Humpe Pop-Phrasen veredelt, drischt Tawil sie eher einfallslos: Ich halt Dich fest, ich sinke, es regnet ins Herz, Du bist ein einsamer Stern – undsoweiterundsofort. Sido und Prinz Pi mischen auch mit („Aschenflug“), machen einen auf „Digga“ und „Kumpel“, Rapper Matisyahu steigt auf Englisch ein. Drei Tracks sind vorzeigbar, darunter „Auf Sand gebaut“ und „Graffiti Love“, die Beichte eines verliebten Wandmalers, bei dem just die Schwestern Inga und Annette Humpe mitsingen. Mit „Sie und sie“ klingt „Mir und mich“ gleich viel besser. Und so ist auch der Titel-Track des Solo-Albums vor allem eine Erinnerung daran, was fehlt: Im Hit „Lieder“ entwickelt Adel Tawil seine musikalische Sozialisation von den Songs der Jugend über seine Boyband-Jahre mit „Boyz“ und das Projekt mit Annette Humpe anhand von emblematischen Liedzeilen.

Und da ist sie wieder: Diese Gabe, Refrains ins Hymnische zu heben. Mit „Ich und Ich“ war schöner Schmachten angesagt. Bei „Ich ohne Sie“ will es zumindest auf Platte kaum gelingen, den Kitsch zur Kunst zu erheben.

(Quelle:echo-online.de)

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